Der Strohbefeuerer
Der Strohbefeuerer ist nicht etwa Pyromane – wenigstens nicht im herkömmlichen Sinne. Vielmehr ist er die Inkarnation des vorherrschenden Zeitgeistes: Rasanz and Schnelllebigkeit.
Und es liegt in seinem Bestreben, sich in diesen vermeintlichen Tugenden der Gesellschaft zu üben. Er brennt fortwährend darauf, Neues zu entdecken. Er ist am Puls der Zeit, der immer rascher wird und sein eigenes Blut in Wallung bringt. Fast wie vom Fieber gepackt passt er seinen Schritt dem zunehmenden Tempo an. Verweilt nur kurze Zeit, um dann weiter zu hetzen. Das Adrenalin treibt ihn voran. Er ist gleichsam auf ständiger Flucht. Es geht immer nur vorwärts, es gibt kein Zurück. Gleich einem Kugelblitz bewegt er sich in seiner Umgebung, die ihm mit Ambivalenz gegenüber steht: Die Faszination des Nicht-Greifbaren gepaart mit zerstörerischem Potenzial spaltet die Geister.
Die Brandspur, die er nach sich zieht, ist lange. Sie kreuzt sich häufig mit den Brandspuren anderer Strohbefeuerer, was ihr momentäre Tiefe verleiht. An einigen Stellen aber weist sie auch Lücken auf, nämlich dort, wo der Strohbefeuerer auf ein ihm suspektes Phänomen stößt: Beständigkeit – eine den vorherrschenden Tugenden der Gesellschaft höhnende Eigenschaft. Diese Beständigkeit ist es dann, die ihn in seinem brennenden Streben innehält. Sie trachtet danach, das Feuer zu bändigen, denn Dauerhaftigkeit hat die unliebsame Gewohnheit, sich in der Seele einzunisten, sie auszufüllen und ihr innere Ruhe zu schenken. Meist hat sie jedoch bei dem Strohbefeuerer wenig Erfolg - die ihm inhärente Unruhe neutralisiert sie praktisch. Lässt andererseits der Strohbefeuerer seinen Funken der Schnelllebigkeit auf das Dicht der Dauerhaftigkeit überspringen, vermag dieser ein Glosen auszulösen, das sich allmählich ausbreitet. Die beständige Seele wird von innen her langsam und schmerzvoll ausgebrannt. Die innere Ruhe schwindet. Die Opfer des Strohbefeuerers zeigen ähnliche Symptome wie der Urheber ihres Zustandes. In ihrer Not, von ihrer Seele zu retten, was noch zu retten ist, unternehmen sie den verzweifelten Versuch, den Funken an den Strohbefeuerer zurück zu geben. Dieser Versuch ist jedoch zum Scheitern verurteilt, da sich der Strohbefeuerer davor scheut, sich von einem möglicherweise durch Dauerhaftigkeit kontaminiertes Funken treffen zu lassen. Er hat dem Dauerhaften schon seit langem abgeschworen, dessen Existenz verworfen. Alles Illusion, bloß emotionale Vergeudung.
Der Gedanke an Dauerhaftigkeit, Innehalten bereitet ihm äußerstes Unbehagen, bringt sie doch unweigerlich mit der Zeit die kleinen Schwächen ans Tageslicht. Schlimm genug, dass er selbst um seine mangelnde Perfektion weiß, er könnte nicht auch noch riskieren, dass andere davon Wind bekommen. Das Ergebnis wäre Verwundbarkeit. Aber hatte er nicht versucht, genau diese Verwundbarkeit hinter sich zu lassen, als er beschloss, sich dem Heer der Strohbefeuerer anzuschließen? Schnelllebigkeit verleiht Perfektion, da nicht genug Zeit bleibt, an der Fassade zu kratzen und die darunter liegenden, den Menschen erst liebenswert machenden Unzulänglichkeiten zu entdecken. Somit hat der Strohbefeuerer den für ihn einzig denkbaren Weg aus seiner Pein gefunden. Und er ist nicht alleine bei seiner Mission, die Welt zur augenscheinlichen Perfektion zu geleiten. Die Zahl der Strohbefeuerer wächst tagtäglich. Es ist somit an den dauerhaften Seelen, sich damit abzufinden, als Hüllen ihrer einst so stolzen Existenz sich nunmehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu sehen. Sie tragen an ihrer Misere selbst Schuld, denn sie widersetzen sich dieser perfekt erscheinen wollenden neuen Welt durch ihre abscheuliche Zielstrebigkeit, der vermeintlichen Perfektion auf den Grund gehen zu wollen. Ginge es nach den Strohbefeuerern, so haben sie gefälligst in ihren ausgebrannten, makelbehafteten Hüllen zu krepieren und die Strohbefeuerer ungehindert ihre Brandspuren ziehen zu lassen....


